Glaub­wür­di­ge Cha­rak­te­re zu schrei­ben und zu zeich­nen fällt nicht jedem leicht, ist aber aus­schlag­ge­bend für jede Geschich­te. Wie ich immer wie­der gern beto­ne: mei­ne Cha­rak­te­re sind mir sehr wich­tig. Sie sind der ers­te Anlauf­punkt für Leser um einen Ein­stieg in eine Geschich­te zu fin­den und die ihn oder sie die gan­ze Zeit beglei­te­ten.
In mei­nem heu­ti­gen Bei­trag erzäh­le ich dir, wie ich mei­ne eige­nen Cha­rak­te­re ent­wick­le und wie man glaub­wür­di­ge Cha­rak­te­re erstellt. Dabei bezie­he ich mich auf Bücher, aber auch auf Comics oder Pen And Paper Rol­len­spie­le, in denen es nicht reicht sei­nen Cha­rak­ter »nur« zu schrei­ben und zu beschrei­ben, son­dern man ihn auch dar­stel­len muss.

Was sind dreidimensionale Charaktere und wozu ist das gut?

Das Wort »drei­di­men­sio­nal« klingt viel­leicht etwas abs­trakt, aber gemeint ist ein Cha­rak­ter mit Tie­fe und Kon­flik­ten. In einer Geschich­te gibt es ja nicht nur äußer­li­che Kon­flik­te, wie Krieg zum Bei­spiel. Häu­fi­ger geht es viel­mehr um inne­re Kon­flik­te, auch wenn sie nicht sofort ersicht­lich sind. Vie­le Pro­ble­me kom­men oder kamen über­haupt erst auf, weil ein Cha­rak­ter – meis­tens der Prot­ago­nist – einen inne­ren Kampf führt. Des­we­gen darf der Held oder die Hel­din auch nicht feh­ler­los und per­fekt sein. Wenn es nach mir geht, scha­den auch ein paar äußer­li­che Schwä­chen nicht.
Fik­ti­ve Per­so­nen sind oft etwas über­trie­ben, also nicht genau so, wie jemand aus dem ech­ten Leben, wie du und ich. Aber ihnen Schwä­chen und Feh­ler zu geben hilft, sich mit ihnen zu iden­ti­fi­zie­ren. Dazu mehr im nächs­ten Abschnitt.

Also was brauchen glaubwürdige Charaktere?

Neben einem Motiv und Moti­va­ti­on um die Geschich­te vor­an­zu­trei­ben, eine Men­ge Per­sön­lich­keit. Eigent­lich spielt die Rei­hen­fol­ge da erst ein­mal kei­ne Rol­le. Für Ský­mir habe ich mir die Cha­rak­te­re mehr oder weni­ger par­al­lel zuein­an­der aus­ge­dacht, eini­ge sind schon aus­ge­reif­ter als ande­re. Was ich mei­ne ist, dass ich mich bei ihrer Ent­wick­lung an kei­ne Rang­ord­nung von irgend­wel­chen Per­sön­lich­keits-Aspek­ten gehal­ten habe. So habe ich Hil­da zum Bei­spiel erst ein Aus­se­hen gege­ben, was mir per­sön­lich immer hilft über­haupt vor­an­zu­kom­men. Danach kamen ein paar Cha­rak­ter­zü­ge dazu, wie Hitz­köp­fig­keit und Mut. Nach und nach kam immer mehr dazu und das Bild in mei­nem Kopf wur­de deut­li­cher. Ihr Ziel in der Geschich­te kam erst ziem­lich zum Schluss.
Hier ist eine kur­ze Lis­te von Fra­gen, die man für sei­nen Cha­rak­ter beant­wor­ten soll­te:

  • Wel­che Stär­ken hat er/​sie?
    Sagen wir, ein Cha­rak­ter der sehr gut sin­gen kann, lie­be­voll und gütig ist.
  • …und wel­che Schwä­chen?
    Lei­der hat er auch Angst vor Men­schen­men­gen und traut sich nicht, sei­nen Gesang einem Publi­kum zu prä­sen­tie­ren.
  • Was ist seine/​ihre größ­te Angst?
    Sehr nütz­lich. Um die Span­nung zu stei­gern, soll­te sich der Held oder die Hel­din an irgend­ei­nem Punkt der Geschich­te (bes­ten­falls in der Mit­te oder kurz vor dem Ende) mit die­ser Angst kon­fron­tiert sehen.
  • Was ist ihm/​ihr wich­tig?
    Wofür wür­de er/​sie alles ande­re hin­schmei­ßen? Wofür ist es ihm/​ihr wert zu kämp­fen?
  • Was ist sein/​ihr Ziel?
    Musi­ker wer­den wie im obi­gen Bei­spiel, oder gleich die gan­ze Welt ret­ten?
  • Was steht beim errei­chen des Ziels im Weg?
  • Wie muss er/​sie sich ändern, die Hin­der­nis­se zu über­win­den?

Dazu muss ich sagen, dass die per­sön­li­che Angst des Hel­den nicht unbe­dingt der Haupt­kon­flikt ist. In mei­ner Geschich­te Ský­mir ist der Haupt­kon­flikt unter ande­rem die Unei­nig­keit der Völ­ker auf Del­lin­gur. Hildas per­sön­li­che Angst allein und auf sich gestellt zu sein (jetzt hab‹ ich’s ver­ra­ten) hat nicht direkt etwas damit zu tun und die Bekämp­fung die­ser Angst führt nicht zwangs­läu­fig und unmit­tel­bar zu Frie­den zwi­schen den Fron­ten.

Die Psychologie dahinter

Es hilft, wenn man sich für Psy­cho­lo­gie inter­es­siert. Zum Glück muss man nicht unbe­dingt rich­tig bewan­dert dar­in sein oder einen Dok­tor haben, um einen Cha­rak­ter gut und glaub­wür­dig zu schrei­ben. Das Han­deln des Cha­rak­ters muss aber nach­voll­zieh­bar sein und darf den Leser nicht mit Wider­sprüch­lich­kei­ten ver­wir­ren oder mit Ein­sei­tig­keit lang­wei­len.
Man soll­te sich des­halb Gedan­ken dar­um machen, wie Men­schen wer­den, wie sie wer­den. Du musst nicht bis ins aller kleins­te Detail gehen oder womög­lich noch ver­se­hent­lich dar­an kle­ben blei­ben und dar­über hin­aus die eigent­li­che Geschich­te ver­nach­läs­si­gen. Trotz­dem: je mehr du über dei­nen Cha­rak­ter weißt, des­to glaub­haf­ter wird er/​sie.

Mir per­sön­lich macht das sogar Spaß, ich kann gar nicht anders, die Ide­en kom­men ein­fach. So habe ich mir zumin­dest schon für Hil­da und Yng­vild über­legt, wie ihre Ver­gan­gen­heit aus­sah und wie sie dazu gekom­men sind, in den Kampf gegen »das Böse« zu zie­hen.
So viel kann ich glau­be ich ver­ra­ten: ihre Grün­de sind nicht kom­plett bis über­haupt nicht selbst­los. Mei­ne Cha­rak­te­re sol­len rea­lis­tisch sein und kei­ne Hei­li­gen. Ehr­lich gesagt machen mir die dunk­len Sei­ten und die Schwä­chen mei­ner Cha­rak­te­re die grö­ße­re Freu­de und ohne die wären sie lang­wei­lig.

Dazu fällt mir aber gera­de ein Bei­spiel ein: Cap­tain Ame­ri­ca. Viel­leicht könn­te man ihn als einen Cha­rak­ter mit selbst­lo­sen Zie­len bezeich­nen. Er will ja in den Krieg zie­hen um für Frie­den und Frei­heit kämp­fen. Aber wenn man dar­über nach­denkt, will er viel­leicht ein­fach nur ein Held sein, bloß wür­den die wenigs­ten das zuge­ben. Aber das ist nur mei­ne Sicht der Din­ge. Dar­über hin­aus hat mich gestört, dass er nicht ein­mal etwas tun muss­te, außer an einem Ver­such teil­zu­neh­men. Ich hät­te mehr Respekt für sei­ne Figur gehabt, wenn er hart trai­niert hät­te, damit sei­ne Kör­per­grö­ße wie­der aus­ge­gli­chen hät­te und es aus eige­ner Kraft allen bewie­sen hät­te, scheiß auf die Armee. Na ja, ich schwei­fe ab. So aller­dings fal­len mir übri­gens auch manch­mal Geschich­ten ein.

Ein wei­te­res Bei­spiel aus der Welt der Super­hel­den wäre Bat­man. Ein gutes Bei­spiel wie ich fin­de, aber ich mag Bat­man ja auch. Man kann argu­men­tie­ren ob er nur ein rei­cher Kerl ist der sich tol­les Super­hel­den-Spiel­zeug leis­ten kann und gar kein Super­held ist. Ja, genau­ge­nom­men ist er kein rich­ti­ger Super­held, er hat kei­ne spe­zi­el­len Kräf­te. Aber genau das ist es, was mir an ihm gefällt. Er sorgt selbst für sei­ne kör­per­li­che Fit­ness und Aus­rüs­tung.
Ist es so viel schlech­ter mit einem Hau­fen Geld zum Super­hel­den zu wer­den als durch den zufäl­li­gen Biss einer Spin­ne der einem dann prak­ti­scher­wei­se tol­le Fähig­kei­ten und einen ath­le­ti­schen Kör­per ver­leiht? Nö.

Ach ja, ich woll­te ja auf was ganz ande­res hin­aus. Näm­lich Bat­mans Psy­che (ori­en­tiert an »Bat­man Begins«), ganz ober­fläch­lich:
Als klei­ner Jun­ge fällt Bruce Way­ne in einen Brun­nen und wird dort von Fle­der­mäu­sen atta­ckiert. Seit­her hat er Angst (die erwähn­ten Ängs­te) vor Fle­der­mäu­sen.
Kurz dar­auf wer­den sei­ne Eltern von einem Stra­ßen­räu­ber getö­tet. Der Stra­ßen­räu­ber wird zwar gefasst, kommt nach eini­gen Jah­ren wie­der frei, Bruce ist mitt­ler­wei­le ein ver­bit­ter­ter Erwach­se­ner und er sinnt auf Rache (Motiv). Lei­der kommt ihm jemand zuvor und so begnügt sich Bruce damit, kri­mi­nel­les Den­ken zu erfor­schen. Er lernt, dass man sich sei­nen Ängs­ten stel­len muss, um sie zu besie­gen und des­halb wird er spä­ter gleich selbst zur Fle­der­maus.
Hier ist ganz klar zu erken­nen, was ihn geprägt hat und wie die Ereig­nis­se sich auf ihn aus­ge­wirkt haben. Er han­delt aus eige­ner Moti­va­ti­on her­aus, durch Emo­tio­nen, Rach­sucht und Ver­bit­te­rung her­vor­ge­ru­fen, das ist für mich glaub­wür­dig und nach­voll­zieh­bar.

Nebencharaktere und Antagonist

Die braucht es auch. Und bei ihnen muss man sich genau so viel Mühe geben, wie mit dem Haupt­cha­rak­ter, aber beson­ders mit dem Ant­ago­nis­ten. Des­we­gen benut­ze ich hier die sel­be Metho­de wie oben beschrie­ben (»Also was braucht ein guter Cha­rak­ter?«) zumin­dest für den Böse­wicht und den Side­kick oder bes­ten Freund des Hel­den.

Wenn man schon eine Figur hat, ist es leich­ter. Man nimmt ein­fach den Cha­rak­ter, den man schon fer­tig beschrie­ben hat und kre­iere das Gegen­teil von ihm/​ihr. Das funk­tio­niert gut am Cha­rak­ter des Gegen­spie­lers, der dann auch das genau gegen­tei­li­ge Ziel anstrebt. Aber ich habe es auch an Hil­da und Yng­vild so ange­wandt. Sie spie­len für das sel­be Team – obwohl sie unter­schied­li­che Din­ge wol­len und anstre­ben – , sind aber kom­plett gegen­sätz­lich. Aller­dings sind sie kei­ne Freun­de.
Hildas bes­ter Freund ist Bor­gir, der Hil­da ziem­lich ähn­lich ist, was die Wesens­art angeht. Die meis­ten Men­schen wür­den wohl eher mit jeman­dem befreun­det sein, der einem selbst ähnelt. Natür­lich gibt es auch Aus­nah­men.

Klischees vermeiden

Das ist mein letz­ter Tipp zum schrei­ben von glaub­haf­ten Cha­rak­te­ren. Du musst die Kli­schees in dei­nem Gen­re ken­nen um sie zu umge­hen. Ský­mir ist eine Sci­ence Fic­tion Geschich­te – ja ja, mit Fan­ta­sy-Ele­men­ten, das muss ich immer schrei­ben! Mei­ne Gen­re-Kli­schees sind post­apo­ka­lyp­ti­sche Sze­na­ri­en, böse Ali­ens die am Ende trotz ihrer all­ge­mei­nen Über­le­gen­heit besiegt wer­den, oder der Ver­lust von Kon­trol­le über eige­ne Tech­no­lo­gie, um nur ein paar zu nen­nen.

Glaubwürdige Charaktere und wie sie aussehen

Ich spre­che jetzt aus zeich­ne­ri­scher Sicht, aber das lässt sich auch aufs Schrei­ben anwen­den. Wenn du eine eige­ne Geschich­te schreibst, kannst du dir ein­fach das Aus­se­hen von bereits exis­tie­ren­den Cha­rak­te­ren oder Per­so­nen des ech­ten Lebens (Schau­spie­ler, Musi­ker) zum Vor­bild neh­men und ihnen dei­nen Stem­pel auf­drü­cken indem du sie an dei­ne »Bedürf­nis­se« anpasst. Natür­lich schreibst du dann nicht »Hans-Jür­gen der aus­sah wie Liam Nee­son nur mit lan­gen Locken«.

So ist es beim Zeich­nen auch, du kannst dir Inspi­ra­ti­on aus dem Leben neh­men und neu model­lie­ren. Gera­de bei exi­sie­ren­den Cha­rak­te­ren ist aber Vor­sicht gebo­ten, das fällt schnell auf und das nicht im posi­ti­ven Sin­ne. Mach dei­nen Cha­rak­ter wie du willst, dem sind theo­re­tisch kei­ne Gren­zen gesetzt. Ich woll­te nur wie­der dar­auf hin­wei­sen, dass das Aus­se­hen auch zum Cha­rak­ter pas­sen muss.

Wenn dein Cha­rak­ter ein Aben­teu­rer ist wie India­na Jones, wird er prak­ti­sche Klei­dung tra­gen. Irgend­was mit vie­len Taschen, wor­in man sich trotz­dem gut bewe­gen kann, also nichts all­zu Unbe­que­mes. Den­ke ein­fach dar­an, was man im jewei­li­gen Beruf braucht. Und auch, was zur Per­sön­lich­keit passt. Um wie­der Hil­da als Bei­spiel zu neh­men: sie trägt die Uni­form ihres Ordens, muss sie ja, genau wie Yng­vild. Nun sind bei­de Cha­rak­te­re wich­tig für mei­ne Sto­ry, zwei Haupt­fi­gu­ren. Des­we­gen müs­sen sie schon etwas Indi­vi­dua­li­tät mit­brin­gen.

Bei Yng­vild ist es allein die Tat­sa­che, dass sie im Rang höher steht und von daher sowie­so eine ande­re Uni­form trägt. Bei ihr ist sie gene­rell eher Figur­be­tont, Yng­vild ist ernst und eine erwach­se­ne Frau.

Hil­da ist was das Alter betrifft auch erwach­sen, bei der Per­sön­lich­keit sieht das schon anders aus. Sie ist auf­brau­send, wild und ihre Freun­de waren schon immer vom ande­ren Geschlecht. Sie ist nicht mäd­chen­haft, zim­per­lich oder eitel. Des­we­gen trägt sie ihre Uni­form ein paar Num­mern zu groß und hat oft zer­zaus­tes Haar wel­ches sie nur ungern bürs­tet.

Sexy oder nicht sexy, das ist hier die Frage

Ja, ich mache dir da wenig Illu­sio­nen. Manch­mal muss man sich ein­fach ent­schei­den zwi­schen sexy und glaub­wür­dig. Wäh­rend India­na Jones prak­tisch und ange­mes­sen geklei­det ist, war Lara Croft es damals nicht (ich glau­be es hat sich gebes­sert). Wer spielt kennt auch die Biki­ni-Rüs­tun­gen. Also ziem­lich nutz­los im Kampf, lenkt angeb­lich die Fein­de ab. Nee, schon klar.

Wenn du mich fragst, mir wäre die Glaub­wür­dig­keit immer lie­ber. Neh­men wir mal Bri­en­ne Of Tarth aus Game Of Thro­nes (die Serie, nicht das Buch). Gut, die ist viel­leicht nicht das, was die meis­ten unter »sexy« ver­ste­hen. Sie ist schließ­lich fast zwei Meter groß und wird stän­dig für einen Mann gehal­ten. Beson­ders, wenn sie ihre Rüs­tung trägt, die kein Biki­ni ist, son­dern eine ganz nor­ma­le Rit­ter­rüs­tung.
Das fin­de ich mal kon­se­quent, glaub­wür­dig und genau das macht sie so beson­ders.
Alles ande­re ist nur ein bil­li­ger Trick um hor­mon­ge­steu­er­te Fans zu gewin­nen – für die hat Game Of Thro­nes auch eini­ges zu bie­ten, ist ja kein Geheim­nis.

Okay, das war alles, was ich dazu zu sagen hat­te. Reicht ja auch. Oder? Wenn es noch ein The­ma gibt, was du hier ver­misst hast, hin­ter­las­se doch einen Kom­men­tar. Ich wür­de mich freu­en!